Der Gott unseres Lebens

Auf einmal war er da: Gott. Vor zweitausend Jahren. Kein Gedankenkonstrukt, weder religiöser noch philosophischer Art. Nein. Gott war da, trat in die Geschichte ein. Man konnte ihn auf einmal sehen, anschauen, hören, berühren. Denn in Fleisch und Blut, mit einem Gesicht kam er in die Welt. Um Gottes Willen! Ein Gott, nicht nur für begnadete Mystiker oder religiöse Genies. Nein. Gott als Teil der Wirklichkeit, in der man lebt. Wirklich Gott? Wirklich in unserem Leben? Wer kann das denn glauben! Zugegeben. Das ist ein Glaube, der verlangt, alles zu vergessen, was er bisher gelernt hat. Einfach unglaublich. Aber das ist es ja. Es ist der unglaubliche Einbruch des Göttlichen Geheimnisses in unsere Welt und Geschichte. Das Unfassbare, das sich kein Mensch ausdenken konnte und kein religiöses Genie zu verkünden wagte. Gott ist Mensch geworden.
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Rosenkranzaltar St. Mariä Himmelfahrt, Keeken

Im linken Seitenschiff der Keekener Kirche steht der Rosenkranzaltar. Im Advent wie in der Fastenzeit sind die Flügel geschlossen und das äußere Bild kommt zum Vorschein.

Dargestellt ist die Verkündigungsszene: der Engel Gabriel brachte Maria die Botschaft, dass sie ein Kind bekommen wird, Jesus, der der „Sohn des Höchsten“ genannt wird. Es ist ein klassisches Bildmotiv. Nichts Besonderes. Der Heilige Geist schwebt in Gestalt einer Taube über Maria und macht so das Wort des Erzengels Gabriel anschaulich: “Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.” (Lk 1, 35) Dabei trägt der Engel ein Spruchband (in zeitgenössischen Comics wäre es wohl eine Sprechblase) mit den Worten: Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum.” (Lk 1, 28) und schwebt auf einer Wolke, Zeichen seiner himmlischen Herkunft. Alles ganz klassisch. Bis auf ein kleines Detail: Ein Fenster im Raum des Geschehens öffnet den Blick auf die Landschaft, in der die Szene spielt. Und wenn man genau hinschaut, erkennt man durch das Fenster hindurch die Silhouette einer großen Burg auf einem Berg und einer Kirche mit zwei Türmen.
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Rosenkranzaltar (Detail)

Ja. Dieser Blick kommt einem bekannt vor. Wenn man von Bimmen Richtung Kleve fährt, hat man einen solchen Blick auf die Schwanenburg und die Stiftskirche. Sogar den Spiegelturm der Burg kann man erkennen! Nun, das war nicht einfach nur ein „Kunstgriff“ des Malers, um seinen Auftraggebern zu schmeicheln. Das Fenster mit dem Blick in unsere Heimat ist eine theologische Aussage: Das, was damals mit der Verkündigung begann und dem die Geburt Gottes im Stall von Bethlehem folgte ist auch heute noch höchst aktuell: Gott, in Fleisch und Blut, mit Gesicht und Stimme, ist keine Angelegenheit der Vergangenheit, etwas für die Aktenablage. Dieser Gott schenkt sich auch heute im Leib und Blut Christi, schaut mich auch heute mit seinem Gesicht und spricht mich auch heute mit seiner Stimme an. Er ist der Gott unseres Lebens!

Andreas Poorten