Geschichte

Viele Jahrhunderte hatte die kleine Kirche, gelegen an der damals wichtigsten West-Ostverbindung von Kleve nach Kellen, der Kreuzhofstraße, ihren Dienst getan und allsonntäglich etwa 500 Einwohner des um 750 erstmals erwähnten Cellina-Bauerndorfes mit Eucharistiefeiern versorgt. Doch fast plötzlich änderte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Situation: Die Bevölkerungszahl der politischen Gemeinde Kellen schnellte durch den in Gang gekommenen Industrialisierungsprozess – die Ansiedlung der Firmen van den Bergh (1888), Bensdorp (1903), XOX (1910) in Bahnhofsnähe hatte auch die Siedlungsstruktur radikal verändert – enorm in die Höhe. Schon 1904  konnte das kleine Kirchlein die über 4.000 Katholiken nicht mehr fassen, trotz der vier Gottesdienste am Sonntag mussten 2.000 Kellener sonntags in Kleve  zur Kirche gehen.

Zeichnung

Abb. 1

So stand die Kirchengemeinde vor der Frage: Erweiterung der Alten Kirche oder Neubau, z. B. durch Abriss? Doch auch die politische Gemeinde musste neu denken und entscheiden: Siedlungsbau in der Nähe der Alten Kirche, somit relativ fernab von den Arbeitsplätzen im Westen von Kellen oder Wohnen nahe am Arbeitsplatz, also mehr in Bahnhofsnähe? Erst nach einigen Jahrzehnten wurden diese Fragen zusammengeführt und entsprechend wurde gehandelt. Isolierte Überlegungen der Kirchengemeinde um 1910, die Alte Kirche durch Seitenflügel zu vergrößern (Abb. 1), wurden durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges gestoppt. Erst gegen Ende der 20er Jahre tauchten ganz neue Überlegungen auf. Kellen, so die Politik und die Kirchengemeinde unisono, brauchte eine „Neue Mitte“. Sie sollte, nach den Entwürfen der Essener Architekten Wahl & Rödel aus einer (neuen) Kirche, einem Wohlfahrtshaus zur Versorgung der Alten und Kranken (vom Gebäude ist heute fast nichts mehr zu sehen), einer (späteren) Mädchenschule neben der Außenschule an der Overbergstraße und dichter Wohnbebauung bestehen (wie z.B. in der Form des sog. D-Zuges geschehen). Ein Generalbebauungsplan schuf die bau- und grundstücksrechtlichen Voraussetzungen für die an der heutigen Ferdinandstraße und Willibrordstraße gelegenen Baukörper.

Wahl und Rödel erhielten den Auftrag von der Kirchengemeinde, ein Kirchbauprojekt zu planen, das der Bevölkerungsgröße und dem engen Finanzrahmen der Gemeinde entsprach. Und das, was den Architekten vorschwebte, fand in Fachkreisen lobende Anerkennung: Auf der 69. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands im August 1930 wurde die Kellener Kirche im Rahmen einer Ausstellung für neuzeitliche religiöse Kunst vorgestellt, man fand Aufnahme im Herders Lexikon von 1933 und sogar bei der Stahlwerkverbandssitzung im November 1929 wurden Dias von dem revolutionären Bau gezeigt.

Abb. 2

Abb. 2

Kirchenbaugeschichtlich ist den Architekten sicherlich Bedeutendes gelungen. „Hut ab“ vor dem damaligen Pfarrer  van de Locht (Abb. 2), dem es offenbar gelungen ist, seine heimischen Schäfchen und seine fernen Hirten in Münster von dem fremdartigen Projekt zu überzeugen.

Die Wahl des Platzes, mitten auf dem ehemaligen Schwedler-Acker, barg erhebliche statische Probleme, konnte doch keine teure Pfahlgründung vorgenommen werden. Das Problem lösten die beiden Architekten mit Hilfe einer genialen Idee; man verzichtete auf eine Pfahlgründung, legte lediglich eine Bodenplatte an, auf der dann eine Stahlskelettkonstruktion (Abb.3) errichtet wurde.

Abb. 3

Abb. 3

Durch die Anlage eines Doppelkreuzes (Abb. 4) in der Stahlkonstruktion  war es auch möglich, auf schwergewichtige Verstrebungen zu verzichten und durch die so gewonnene Faltung der beiden Längsseiten des Kirchenkorpus gewann das Ganze auch Stabilität und schützte somit auch gegen Wind- und Vertikalkräfte. Das in drei Monaten von wenigen Arbeitern errichtete Stahlgerüst wurde von Maurern beidseitig mit ca. 10 cm breiten Steinen eingemauert (Abb. 5), und so entstand für den Außenstehenden der Eindruck von dicken Kirchenmauern.

Abb. 4

Abb. 4

Abb. 5

Abb. 5

Die recht geringe Bauzeit von weniger als 2 Jahren kam dem Wunsch nach kostengünstiger Fertigung des Kirchbaus natürlich auch entgegen. Der Spatenstich hatte am 23. April 1929 stattgefunden, die Grundsteinlegung war am 13. Oktober 1929, die Schlusssteinlegung war am 26. Mai 1930 und am Buß- und Bettag, am 19. November 1930, fand die feierliche Einweihung durch Erzbischof  Dr. Johannes Poggenburg statt (Abb 6). Um 6 Uhr nachmittags  lud dann die Katholische Pfarrgemeinde Kellen zur Festversammlung in den Saal Tenhaaf.

Abb. 6

Abb. 6

Baugeschichtlich hatte die neue Kirche noch einen jahrzehntelangen Epilog: Die Turmgeschichte. Der ursprünglich avisierte Turm konnte nie verwirklicht werden. 30 Jahre später, am ersten Pfingsttag 1960, läuteten sieben Glocken – anstelle des Notglöckchens auf dem Dach der Kirche –  im neu erbauten Kirchturm, 5 mal 5 m breit und 35 m hoch, entworfen von Professor Toni Hermanns.
(Jürgen Bleisteiner, “Schüler erzählen Kellener Geschichte – Der Bau der neuen Willibrordkirche”. 1987; auch in: Mittendrin. 75 Jahre neue Ortsmitte Kellen. 75 Jahre Pfarrkirche Kellen. Eine starke Konstruktion. Kellen-Kirche-Kunst. Herausgegeben  vom Kellener Heimat- und Kulturverein Cellina e.V. und Katholische Pfarrgemeinde Hl. Dreifaltigkeit Kleve. 2005. S. 10 ff.)

Architekturgeschichtliche Einordnung

Bettina Kaiser hat 2005, anlässlich der 75-Jahr-Feier der Pfarrkirche, im Buch „Mittendrin“ (hg. vom Kellener Heimat- und Kulturverein Cellina und der Pfarrgemeinde) sich mit der architekturgeschichtlichen Einordnung des 29 m langen, 19,5 m breiten und 9 m hohen Baukorpus beschäftigt. Grundsätze eines neuen Baustils, geprägt von der sog. Neuen Sachlichkeit widerspiegeln sich im „alltagstauglichen“ Versammlungsraum im Innern der Kirche. Der Eindruck, eine Fabrikhalle zu betreten, kündet von der Botschaft: Diese Kirche soll für die Menschen gebaut sein, die Kellen (und nicht nur Kellen)  in den 1920er und 1930er Jahre prägen: Arbeiterschaft. Das zeige, so die Autorin,  eine gewisse Progressivität der damaligen Gemeinde in einer ja immer noch sehr ländlich geprägten Kulturlandschaft am Niederrhein. Die Betonung handwerklicher Kunst fällt dem Betrachter auf, wenn er die die drei Zonen der Verarbeitung der Klinkersteine betrachtet, nicht nur an der Kirche, sondern im gesamten Ensemble der „Neuen Mitte“, die Sockelzone, der Mittelbereich, das Traufgesims. Geometrische, einfache Grundformen, Betonung der Horizontalen in der Sockelzone, Hervorhebung der Vertikalen durch die Faltungen,  Rundbögen der Kirchenfenster, Primärfarben im Innern, Wahl der Ziegelsteine als formgestaltendes Material als Wertschätzung des Handwerklichen – das sei die Sprache einer menschenwürdigen Architektur, nämlich einfach, reduziert zu sein, in klarer geometrischer Formensprache daherzukommen. Im großen Raum versammeln sich Menschen in großer Zahl, nahe aneinander rückend, die Nähe des anderen spürend, aufeinander angewiesen zu sein, jeder und jede ist gleich wichtig,  eingefangen im Gebot der Nächstenliebe. Auch das ist die Botschaft der Architektur.
(Bettina Kaiser. “Ein Versuch der Annäherung. St.-Willibrord-Kirche in Kellen.” In: Mittendrin. 2005, S, 49ff.)

Die hier beschriebene  baugeschichtliche Genese, die architektur- und kunstgeschichtliche Einordnung der neuen Kirche  zeigen deutlich hervorragende Merkmale auf, die die mittlerweile vollzogene Eintragung dieser Kirche in die Denkmalliste der Stadt Kleve rechtfertigen.
(Marco Kieser. „Kellen erhält die modernste Kirche am Niederrhein.“ St. Willibrord in Kleve-Kellen: ein Stahlskelettbau und seine Architekten Wahl & Rödel. In: Denkmalpflege im Rheinland. 32. Ausgabe,  Jahrgang Nr. 3  3.Vierteljahr 2015. S. 103 ff)