Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde ,
später, nach der Gabenbereitung und dem Hochgebet, werden wir das Vaterunser beten. Dort heißt es u.a.: Herr, Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. In diesem Teil des Vaterunsers habe ich meinen priesterlichen Leitspruch, meine priesterliche Wegweisung gefunden, die da heißt: „Gott ist für mich da!“
Doch große Zweifel, ob Gott für mich da sei,  überfielen mich, wiewohl ich die Bibel kannte und großes Gottvertrauen hatte, dass er alles zum Guten lenkt, auch hatte ich Philosophie und Theologie genug und gut studiert und so glaubte ich, gut auf meine neue Aufgabe eingestellt zu sein; doch als ich in Deutschland ankam, war mir  alles fremd, kein Vertrauter war da, ich bekam Angst, von Gott verlassen worden zu sein, denn alles würde neu sein, Sprache, Wetter, Essen, dunkel und hell, Winter und Sommer, die Mentalitäten der Menschen, ich fühlte mich, wie ein Baby, das alles erst einmal lernen muss. Aber wo waren die Begleiter ins Leben, die Behüter, die mich, um im Bilde zu bleiben, ins Erwachsenensein führen, wie ein Pädagoge, der im wörtlichen Sinne des griechischen Wortes Kinder an die Hand nimmt, um sie ins Leben zu führen. Gott, wo bist du?- das war meine verzweifelte Frage.

In Düsseldorf gelandet holte mich ein indischer Mitbruder aus Eindhoven ab und nahm mich eine Woche bei sich in Holland auf. Ich habe erste Schritte ins europäische Kulturwissen getan, solch wichtige Sachen, wie Einkaufen, in Supermärkten, einfaches Essen zurichten, Kochen, Begriffe für Obst, Gemüse, Getränke, Brotsorten usw. unterscheiden lernen. Der Mitbruder hat mich nach einer Woche nach Dingden gebracht. Wichtig war für mich: ich habe gemerkt, Gott hat offenbar einen Plan für mich, denn eine erste Hürde war übersprungen. Oder Licht am Ende des Tunnels?
6 Monate Dingden; alle Prüfungen habe ich gut, ein Jugendlicher würde sagen „easy“ bestanden; nur vor dem praktischen Führerschein hatte ich noch Angst. Riesen Angst. Regeln lernen und wissen, sie dann auch noch anwenden zu müssen, nee, in Indien gab es das nicht, links oder rechts auf der Straße zu fahren, das war eigentlich egal. Das überwiegend Positive aber bestärkte mich in meinem Vertrauen auf Gott.
Kurz vor Ende meiner Zeit in Dingden aber bekam ich Ende Februar 2013 vom Pfarrbüro in Kellen eine Email, aus der mein Dienstplan vom 3.3. bis zum 12.3. hervorging. Täglich Messen, immer in anderen Kirchen. Und dann hieß es am Ende der Mail: „Es gibt keinen Fahrdienst für Dich. Die Kirchen in Rindern, Warbeyen, Kellen, Düffelward, Bimmen und Keeken müsstest Du mit dem Fahrrad erreichen.“ Und weiter: „Dein Fahrrad steht noch in Rindern“.  Das war hart. Hat mich Gott doch noch verlassen, war meine Frage. 3 schlaflose Nächte gab es in Dingden. Quälende Frage: Wie soll ich an ein Navi kommen? Ist Gott doch nicht auf meiner Seite?
Am Sonntag, dem 3.3. hatte ich in Griethausen die erste Messe. Abends bei der Kreuzwegandacht hatte ich die Email dabei und zeigte sie mit der Frage: Wer kann mir helfen? Burga und Johann boten Hilfe an; aber war es nicht zu weit nach Brienen?  Fragte ich erst einmal  unwissend. Bis ich im Mai meinen Führerschein hatte und meinen „immer noch läuft und läuft“-VW fahren konnte,  übernahmen Burga und Johann den Fahrdienst. 3 Monate lang. Gottes Hilfeplan, dachte ich bei mir. Er ist doch für mich da.
Schnell spürte ich, da war mehr; sie, Burga und Johann,  waren für mich wie Eltern, ich durfte sie auch so nennen, sie waren so warmherzig zu mir; sie haben mich zu allen privaten Festen, zu den Sonntagen zum Essen eingeladen, zu allen Hochfesten Feiertagen, zu Besuchen bei Verwandten haben sie mich mitgenommen, ich war dort willkommen; in den letzten Wochen habe ich das ganz besonders gespürt, wie wichtig dieser Plan Gottes war, als mich so nach und nach die große Familie, dazu die Verwandten und Bekannten der van Grinsven,  verabschiedeten. Wie im Buch Ruth des AltenTestaments die Witwe Ruth in den Verwandten des Mannes ihre neuen Verwandten sah, so ist es mir mit Johann und Burga gegangen; sie sind meine Verwandten geworden und werden es immer sein. Höhepunkt war für mich die Feier der Goldenen Hochzeit meiner Eltern im vergangenen Jahr in Griethausen.
Auch Martina, die Tochter Burgas und Johanns, war immer für mich da, übernahm Fahrdienste z.B. zum Flughafen oder zum Keukenhof,  sie ist mit mir zusammen und einer Gruppe  nach Indien gefahren,  durch sie erfuhr ich, was es heißt,  eine Schwester zu haben, Geschwisterlichkeit zu erfahren. Auch Holger, Martinas Mann, hat mich ebenso freundlich aufgenommen, ich wurde eingeladen und ich habe mich dazugehörig fühlen dürfen. Danke, dass ich an der Familie van Grinsven erfahren durfte, dass Gott für mich da sein will, dass er mich hier stützt, mich zugehörig fühlen ließ, ja sogar mein neues Zuhause hat finden lassen.
Glück habe ich auch mit meinem Lehrer Bleisteiner gehabt. „Lieber Bleisteiner“, so habe ich ihn  immer genannt, in scheinbarer Distanz, in Wirklichkeit aber doch sehr nahestehend; seine Frau Marita, seine Söhne, Pflegetochter Daniela, vor allem aber die Enkelkinder habe ich in den 6 Jahren aufwachsen sehen, ihre anfängliche Fremdheit mir gegenüber haben sie abgelegt; ich selbst  merkte, Gottes Plan war es auch,  einen in den Augen der Kinder anders Sprechenden, anders Aussehenden wie mich nach und nach als  integriert, als dazugehörig wahrzunehmen. An der Spieluhr eines Enkelkinds habe ich Uhrzeiten – viertel nach .., fünf vor … etc. –  gelernt, statt „lasst uns miteinander sterben“, zeigte Bleisteiner mir den Unterschied zu „lasst uns miteinander streben“ auf: Nur ein Buchstabe macht den Sinn eines Satzes völlig verquer. Mit ihm habe ich 2013 den VW in Duisburg gekauft, der noch immer läuft und läuft, manchmal, nicht wahr Johann, auch voll Wasser, wenn ich die Tür nicht richtig verschlossen hatte. Gott hat mir in „ Lieber Bleisteiner“ die richtige Person zum Spracherwerb an die Hand gegeben. Mein zweiter Glücksfall war, dass ich auch bei den Bleisteiners die Messe zur Goldenen Hochzeit zelebrieren durfte.
Marita und „lieber Bleisteiner“  konnten, wie Burga und Martina auch richtig platt. In manchen Messen habe ich das Angelernte preisgegeben: „Got doar ma sette“ oder „Ek sinn ene ächte Grithüsse.“ Ich hatte mittlerweile ein Gefühl dafür bekommen, was man tun kann, um Sympathie zu gewinnen, hatte ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit gewonnen. Manchmal fühlte ich mich wie ein  Abraham am Niederrhein, dem Gott bekanntlich gesagt hat, alles zu verlassen und in das Land zu gehen, wo es Honig und Milch gibt. Hier habe ich eher Butter und  Brot bekommen, wichtiger aber gute Menschen, Geborgenheit und für 6,5 Jahre Heimat. Vielen habe ich dieses Zuhause- und Dazugehörigkeits – Gefühl zu verdanken.
Als Fremder Geborgenheit finden, hängt immer davon ab, welchen Menschen man auf Gottes Wegen begegnet; in St. Willibrord Kleve, waren es fast ausnahmslos gute Menschen, die mir in allen Lebensbereichen geholfen und Unterstützung angeboten haben. Äußerst wichtiger Teil des großen Plans, den Gott mit mir in den 6 einhalb  Jahren in St. Willibrord hatte,  war das gesamte Seelsorgeteam, allen voran der leitende Pfarrer Stefan Notz. Er wie die vielen Menschen, mit denen ich Kontakte gewonnen habe, die Freundschaften, die Vertrauten, kurzum alle  Menschen guten Willens, die waren Teil des großen Plans.
Ich bin 2012/2013 nach Deutschland gekommen um zu lernen; ich erfuhr mehr und mehr Menschen, die das erkannt haben, die aber auch sehr schnell erfahren haben, dass sie selbst erfahren haben, dass sie durch die Kontakte mit mir sehr viel für sich gelernt haben. Einen Menschen will ich beispielhaft, „pars pro toto“, als einen für viele, hervorheben.   Ich darf einen Ausschnitt aus einer Weihnachtskarte zitieren, die die Familie Horst Funke mir schon 2013 geschrieben haben: Ich zitiere: … „so hoffe ich doch, du fühlst dich hier wohl. Bestimmt wirst du in den nächsten Jahren noch viele Erfahrungen sammeln, die dir nachher in deiner Heimat auch wieder nützlich sein können. Wir alle können auf jeden Fall von Dir lernen.“  Soweit Horst Funke. Ja, Horst, das Gefühl, dass wir gegenseitig voneinander lernen und gelernt haben. Das Gefühl trägt mich und lässt mich wissen, dass Gott einen guten Plan mit mir hatte, dich kennen zu lernen. Zumindest spüre ich: Gott hat seine Hände mit im Spiel gehabt, dass ich überall akzeptiert worden bin, alle haben mich zunehmend respektiert. Einer hat gesagt: „Shanthi, du bist ein Beispiel für gelungene Integration.“ Ja. Das stimmt; denn Integration ist kein bloßes Überstülpen, Integration braucht beide Seiten, das Du und das Ich.
Manche von Ihnen, liebe Gläubige, liebe Vertraute, die sie alle hier sind, haben mich in den letzten Monaten häufiger gefragt: Warum bleibst Du nicht? Warum wirst du nicht selbst aktiv, um hier zu bleiben? Du kannst doch so gut Deutsch, man versteht (fast) alles, was du sagst. Denen habe ich sagen müssen, freundlich natürlich: Du oder Ihr versteht mich offenbar doch nicht ganz. Ihr sollt wissen:  Gott ist derjenige, der plant, Gott ist für mich da, und die Aussage gilt auch für die Zeit, die jetzt vor mir liegt. Was Gott mit mir vorhat? Weiß ich nicht;  Gott wird das richten, ist meine Antwort. Selbst Einfluss zu nehmen auf Gottes Plan, das war und ist nicht mein Ding; für mich wäre Einfluss nehmen so wie Fusch am Bau, am Bauplan Gottes für Shanthi Kumar Animalla. Ich danke Gott für meine Bauzeit hier, für die schöne Zeit hier bei Euch. Danke. Danke. Danke. Amen.