Schwester Dora mit dem “Nationalgetränk”: Matetee

Liebe Gemeinde!
Im Oktober 2019 war ich für drei Wochen in Argentinien und habe das Projekt besucht, das ich seit fast 25 Jahren mit Unterstützung von DauerspenderInnen fördere. Gerne möchte ich Sie ein wenig teilhaben lassen an dieser bewegenden Reise…
Während meines Studiums habe ich 1995 die Gelegenheit wahrgenommen, ein dreimonatiges Praktikum in Anatuya, einer sehr armen Provinz Argentiniens, zu machen. Ich konnte hautnah die Not vieler Menschen erleben und war sehr betroffen davon, habe aber zugleich eine beeindruckende Motivation und Kreativität einzelner entdeckt, sich nicht mit dieser Situation abzufinden. Eine von ihnen war Schwester Dora, eine Dominikanerin, die eine Nähschule leitete, in der damals ca. 35 Schülerinnen in 2 spärlich eingerichteten Räumen unterrichtet wurden. Ziel war es, Frauen und Mädchen auszubilden, um die eigene Familie mit Kleidung zu versorgen und gleichzeitig durch ihren Verkauf den Lebensunterhalt zu sichern.

Schwester Dora (Mitte) und ihre Mitschwestern Irma (li) und Florentina in Anatuya

Im Zuge der Landflucht waren viele Männer in die großen Städte abgewandert, um dort Geld zu verdienen und damit ihre Familien zu unterstützen. Zumeist wurde der Kontakt bald abgebrochen,  so dass die Mütter mit den oft zahlreichen Kindern alleine und unversorgt zurück blieben.  Als ich die Schule kennen lernte, stand sie kurz vor der Schließung, da sie weder staatlich noch von Seiten des Bischofs unterstützt wurde. Die 3 Lehrkräfte arbeiteten seit über einem halben Jahr ohne Lohn…

Zurück in Deutschland war es mir ein Anliegen, diese prägende Erfahrung nicht einfach ad acta zu legen, sondern sowohl ideell als auch finanziell den Kontakt aufrecht zu erhalten. Ich sprach unterschiedlichste Menschen an, die ich um Unterstützung bat und fand bei so Vielen offene Ohren und Herzen. Der Kontakt zu Schwester Dora, die stets für eine transparente Abrechnung und Belege für die Nutzung der Gelder Verantwortung trug, ist in den gut 24 Jahren immer enger geworden: Aus einer ersten Begegnung ist eine tiefe Freundschaft erwachsen. Uns verbindet längst mehr als ein Transfer von Geld: Das Gefühl von Solidarität, Geschwisterlichkeit, eine emotionale Nähe in Gedanken, Herz und Gebet sind eine tragende Basis von einer Seite der Welt bis zur anderen – in Gegenseitigkeit! Im Oktober konnte ich mir persönlich einen Eindruck davon verschaffen, was mit Hilfe unserer Spenden erreicht werden konnte: Mittlerweile hat sich die Schule zu einem kleinen Berufskolleg entwickelt. Ca. 150 zumeist junge Leute ab 18 Jahren (die älteste „Schülerin“ ist

Mit Schwester Dora unterwegs in Buenos Aires vor der Weiterfahrt nach Anatuya, ca. 930 km entfernt

derzeit beachtliche 59 Jahre alt!) können nach jeweils 2 Jahren einen Abschluss in den Bereichen Gastronomie, Schneiderei / Nähen, Kunstgewerbe und Verwaltung / EDV machen. Das LehrerInnen-Kollegium besteht mittlerweile aus 18 Personen und unterrichtet in einem neu gebauten, 2-stöckigen Schulgebäude –  was für eine tolle Entwicklung! Ich war sehr beeindruckt von den Begegnungen, Gesprächen und gemeinsamen Erfahrungen innerhalb meines Besuches. Und ich habe gespürt, dass sich die Dankbarkeit der Menschen nicht nur auf die finanzielle Unterstützung bezog: Ebenso wichtig war die Anerkennung ihrer Arbeit, die Wertschätzung dafür, dass sie sich gegen Resignation und Hoffnungslosigkeit stellen, und sie daran mitwirken, dass die Menschen in Anatuya Zukunftsperspektiven entwickeln können. Unser Respekt und die immer engere Verbindung zu uns nach Deutschland ist das, was motiviert und stärkt: Dass es Schwestern und Brüder gibt, denen es nicht egal ist, wie es auf der anderen Seite der Welt aussieht, sondern die sich interessieren und engagieren, die im Gebet und mit Herz und Hand nicht nur von Solidarität sprechen, sondern sie leben!
Judith Welbers, Pastoralreferentin im Krankenhaus in Kleve, Tel.: 02821 / 490 7595